Bei
optimalem Wetter konnten wir kürzlich mit der Silvretta eine der schönsten
Gebirgsgruppen der Ostalpen durchqueren. Die Silvretta gehört im nördlichen
Teil zu den österreichischen Bundesländern Tirol und Vorarlberg und im südlichen
Teil zum Schweizer Kanton Graubünden. Am Gipfel der Dreiländerspitze treffen
sich die Grenzen der drei Länder. Aufgrund der unendlich weiten Gletscherflächen
wir der Schweizer Teil auch die „blaue Silvretta“ genannt. Mit zahlreichen
Dreitausendern, die oft bis zum Gipfel bestiegen werden können, bietet die
Silvretta ein ideales Betätigungsfeld für Skibergsteiger.
Pünktlich nach einer längeren Schlechtwetterperiode starteten wir, elf Skitourengeher der Sektion Tittmoning des Deutschen Alpenvereins, zur Durchquerung der Silvretta von Ost nach West. Nachdem es die Silvrettabahn in Ischgl nicht notwendig hatte, Skitourengeher zu transportieren, mussten wir den langen Weg durchs Fimbertal zur Heidelberger Hütte zu Fuß bewältigen. Nach 4-stündigem zumeist recht flachen, blasenfördernden Anstieg erreichten wir mittags die Heidelberger Hütte, wo wir uns natürlich eine ordentliche Brotzeit verdient hatten. Auf dem Anstieg zum Kronenjoch gings dann endlich wieder mehr bergauf und auf dem Weg dahin nahmen Peter und Gi noch den Piz Tasna, die Bischofspitze und den Grenzeckkopf mit während die Gruppe zur Breiten Krone aufstieg. Auf unserer „Tortur“ am ersten Tag bewältigten wir gut 2.000 Hm und eine Strecke von gut 30 Km!
Ausreichend entschädigt für den mühsamen Anstieg wurden wir dann am 2. Tourentag. Von der sehr komfortablen Jamtalhuette mit sehr freundlichem Personal führte uns unser Anstieg über den Chalausferner zur Fuorcla Chalaus, wo sich erstmals der außergewöhnliche Blick zum Augstenberg mit der permanenten Riesenwächte am Vadret da Chalaus auftat. Nach Besteigung der südlichen und nördlichen Augsten Spitze gings weiter über die Gemsscharte zur Gemsspitze. Nach schöner Abfahrt auf den Jamtalferner folgte nochmals ein Aufstieg zur hinteren und technisch etwas anspruchsvolleren vorderen Jamspitze. Mit der Abfahrt zur Tuoihütte, die durch den Umbau leider etwas von ihrem früheren Charme eingebüßt hat, endete ein absoluter Skitourengenusstag in der grandiosen Gletscherlandschaft der Silvretta. Erstaunlich aber umso schöner, dass wir bei einer vollbelegten Jamtalhütte auf unseren 2.100 Tageshöhenmetern kaum Skitourengeher getroffen haben.
Am 3. Tourentag stand mit dem Piz Buin sicherlich der Höhepunkt unserer Durchquerung auf dem Programm. Den Anstieg zum mit 3.312 m höchsten Berg Vorarlbergs und nach dem Piz Linhard (3.410 m) und dem Fluchthorn (3.399 m) dem dritthöchsten Berg in der Silvretta nahmen wir über die Mittagsplatte und die Fuorcla dal Cunfin in Angriff. Trotz zahlreicher Bergsteigergruppen an der Anstiegsflanke konnten wir problemlos bei besten Verhältnissen mit Steigeisen den bekannten Piz Buin besteigen, über dessen Gipfel die Grenze zwischen der Schweiz und Österreich verläuft. Auf unserem weiteren Weg zur Silvrettahütte bestiegen wir dann noch das weit aufragende Silvrettahorn mit schönem Gipfelanstieg und die Abfahrt von unserem dritten Gipfel, dem Silvretta Egghorn und dem Silvrettagletscher bedeutete höchsten Skigenuss. Unser 100-Meilen-Mann Gi hatte so nebenbei noch den Piz Fliana bestiegen und war mit Peter am Signalhorn. Nach ca. 1.900 Hm ging an der stark belegten Silvrettahütte ein erlebnisreicher Tourentag zu Ende.
Am Schlusstag unserer
Durchquerung stiegen wir bei aufgehender Sonne über den weiten
Silvrettagletscher zur Rotfluhlücke auf und erreichten über die steile
Firnrinne den schönen Gipfelgrat zur Schneeglocke, unserem Abschlussgipfel der
Silvrettadurchquerung. Die Abfahrt über den landschaftlich beeindruckenden
Klostertaler Gletscher wies anfangs noch einen unangenehmen Harschdeckel auf
doch mit jedem Abfahrtshöhenmeter wurde die Schneeverhältnisse besser und wir
konnten im unteren Teil noch ein paar tolle Firnhänge unter die Brettl nehmen.
Nach kurzer Rast an der Klostertaler Umwelthütte mit schönem
Selbstversorgerraum machten wir uns rasch aufgrund der sehr warmen Temperaturen
auf den weiten Weg durchs Ochsental zum Silvrettastausee und durchs
Kleinvermunttal hinaus nach Galtür. Bei 1.350 Hm schlug am Abschlusstag vor
allem die lange Strecke mit gut 25 Km zu Buche und beim immer weicher werdenden
Schnee bereits an Mittag kosteten die Schiebestrecken sowie die Überwindung der
gewaltigen Lawinenkegel so manchen Schweißtropfen.
Franz Röckenwagner
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