110 Jahre Gleiwitzer Hütte – traditionelle Bergmesse auf 2.176 m Höhe

               

Bei leichtem Regen feierten Stadtpfarrer Stiftsdekan Michael Wehrsdorf und etwa sechzig unerschütterliche Bergbegeisterte die Bergmesse bei der Gleiwitzer Hütte im Großglocknergebiet. Musikalisch sorgten zwei
Gitarren- und ein Akkordeonspieler aus Tittmoning für eine besondere Atmosphäre.

 

                     

Im Anschluss gab der 1. Vorsitzende der DAV Sektion Tittmoning, Kurt Stemmer, zum 110 jährigen Bestehen der Gleiwitzer Hütte einen kurzen Rückblick auf die Hüttengeschichte und bedankte sich bei allen, die die Hütte über
die Jahrzehnte engagiert begleitet, unterstützt und erhalten haben.

„Es müssen schon sehr verwegene und besonders engagierte Individualisten gewesen sein,“ begann er den geschichtlichen Exkurs „die 1894 mit 127 Mitgliedern die Alpenvereinssektion Gleiwitz gründeten und dann 1896 beschlossen, eine hochalpine Schutzhütte im Gebiet des Hohen Tenn zu errichten“.  Mit Unterstützung des
bekannten Alpinisten Ludwig Purtscheller wurde ein lawinensicherer Bauplatz rund 500 Meter oberhalb der Hirzbachalm auf 2.176 m Höhe als Standort festgelegt. Nachdem die erforderlichen Zugänge und Wege
errichtet worden waren, begann im Juli 1899 der Bau der Hütte.  

Motiv für diesen Hüttenbau war einer alten Urkunde entsprechend:
 
  1. einen Stützpunkt zu schaffen, für einige Hochtouren, die bisher des mühsamen Anstiegs wegen nur selten
      gemacht wurden,
  2. einen Teil der jährlich das Fuscher Tal aufsuchenden Touristen zu veranlassen, die Gegend außerhalb der
      üblichen Reisewege zu erkunden und
  3. die Kenntnisse dieses Teils der Ostalpen zu verbessern.  

Trotz heftiger Schneefälle im September vor 111 Jahren konnte der Hüttenrohbau im Spätherbst fertig gestellt
und eingedeckt werden. Der größte Teil der Innenausstattung wurde während des Winters im Tal vorbereitet
und rechtzeitig auf die Hütte gebracht. Die Chronik berichtet akkurat über alle Spender, so zum Beispiel:
„Herr Direktor Siegfrid Winkler-Berlin schenkte die gesamten Haushaltungsgegenstände aus emailliertem Eisenblech, zusammen nicht weniger als 240 Stück, von der trogartigen Wanne bis zum zierlichen Seifennäpfchen.“

Wie geplant fand die feierliche Eröffnung der Gleiwitzer Hütte vom 22.-24. Juli 1900 in Gegenwart von 70 Besuchern statt.  

Die Hütte bot Unterkunft in sieben Zimmern und drei Schlafräumen. In den Sommermonaten kümmerte sich ein fest angestellter Wegemacher um die Erhaltung des neuen Wegenetzes von 21 km Länge. 1902 besuchten bereits 395 Personen, darunter 63 Damen, die Hütte. Während des 1. Weltkrieges wurde die „Gleiwitzer“ nicht bewirtschaftet.
Im Jahre 1920, nachdem die wichtigsten Wege wieder hergestellt worden waren, konnte sie wieder eröffnet werden und erlebte 1929 mit 901 Besuchern eine Blütezeit. Über das Schicksal der Hütte im Zweiten Weltkrieg ist so gut
wie nichts bekannt. Sicher ist nur, dass Hans Langegger die Hütte auch während der Kriegsjahre bewirtschaftete.  

In den ersten Nachkriegsjahren wurde die Gleiwitzer Hütte vorübergehend in „Hoch-Tenn-Hütte“ umbenannt und abwechselnd von verschiedenen Sektionen übernommen und betreut, etwa von Zell am See, Rohrbach/Mühlkreis und Amstetten. 1954 rief Dr. Frank Wanke die Sektion Gleiwitz wieder ins Leben. Die Sektion erhielt ihre Hütte mit dem geschichtsträchtigen Namen zurück, Treuhänder blieb jedoch der ÖAV. Der Tittmoninger Dr. Karlheinz Springer, Mitglied der Sektion Gleiwitz, stellte 1966 die erste Verbindung der Tittmoninger Alpenvereinsgruppe zur Gleiwitzer Hütte her. 1968 löste der DAV die Hütte vom ÖAV ab.  

Nachdem die Sektion Gleiwitz in der späteren Zeit die Hütte nicht mehr alleine bewirtschaften konnte, vereinbarte man eine gemeinsame Hüttenbetreuung mit der Sektion Tittmoning, die 1973 die Hütte vom DAV kaufte und nun alleiniger Besitzer war. In den 90er Jahren wurden mit viel Mühe und freiwilliger Arbeit eine mechanisch-biologische Abwasser-Reinigungsanlage und ein Kleinwasserkraftwerk zur Stromerzeugung gebaut. Für die kommenden Jahre
sind weitere Umbauten geplant, so Stemmer, um den Komfort und die Umweltverträglichkeit noch mehr zu
verbessern und um so den hohen  Anforderungen des Nationalparks Hohe Tauern und der attraktiven Lage an
Arnoweg und der Glockner-Runde auch im Sinne einer touristischen Attraktion der Gegend genüge zu tun.  

„Der Name der Hütte und die Namen der Zimmer in der Hütte, etwa Beuthen, Breslau oder Kattowitz, erinnern an die Gründersektion und deren Historie und helfen mit, ein kleines Stück Geschichte wach zu halten und zu pflegen – und das soll auch so bleiben“ schloss der Vorsitzende.


Bericht und Fotos: Kurt Stemmer