Mit Stirnlampen ging es nach dem Abendessen in den oberen Teil des sogenannten Mittagsloches, einer Höhle, die vom Scheibenkaser aus auf schmalen Steigen unter den Südwänden des Untersberg entlang und in anspruchsvoller Kraxelei an Drahtseilen steil bergauf erreicht werden kann. Durch einen unscheinbaren schmalen Durchschlupf im Felsgelände krochen die Bergsteiger in den oberen Teil der Höhle über eine senkrechte Leiter etwa fünf Meter zum Höhlenboden hinab. Glitschig, steil, dunkel und kalt war es dort. Tief unter ihnen konnte man den mächtigen Höhlenausgang sehen. Eine magische Atmosphäre entstand, als alle die Lampen löschten und in tiefer Dunkelheit erfuhren die Wanderer etwas über die „Untersbergmandln“ und ihr Dasein. Im Untersberg sollen die kleinen Gestalten, einer Menge aufgezeichneter Geschichten und Märchen zufolge, in den vielen Höhlen des Berges eine nicht vorstellbare Menge an Gold, Silber, Geschmeiden und Edelsteinen horten und streng bewachen. Durch das finstere und grobe Höhlengewölbe entstand eine wahrhaft magische Atmosphäre die alle verzauberte. Nicht lange nach der Rückkehr zur Hütte zeigte die Natur ihr malerisches Können mit einem sensationellen Sonnenuntergang, eingebettet in die faszinierenden Wolkenstimmungen eines nahenden Gewitters.
Über den Berchtesgadener Hochthron (1 973 m), dem höchsten Gipfel des größten freistehenden Berges Europas, mit seiner etwa 70 Quadratkilometer messenden Grundfläche, wanderten die Bergfreunde am Folgetag über die Hochfläche bis zur Mittagsscharte. Diese markante Einkerbung in der Hochfläche kann man schon von weiter Ferne, von der Vorgebirgsebene aus, gut sehen. Hinunter über den, in das Felsgestein gehauenen Thomas-Eder-Steig, mit etlichen Tunnels und aussichtsreichen Fensterdurchbrüchen erreichten sie den Eingang der Schellenberger Eishöhle. Mit Helmen und Stirnlampen bestens ausgestattet wurde von einem erfahrenen Höhlen-Guide eine knappe Stunde lang alles Wissenswerte über Deutschlands größte Eishöhle erklärt. Die Temperatur der Höhle, knapp über dem Gefrierpunkt, bot eine willkommene Abkühlung, zeigte doch in diesen Tagen das Thermometer drückende Hitze jenseits der 30-Grad-Marke an. Das Mittagessen auf der Toni-Lenz-Hütte schmeckte den Wanderern ausgezeichnet und gab ihnen die nötige Kraft für die zwei folgenden anstrengenden Abstiege und Gegenanstiege über den Schellenberger Sattel zum Dopplersteig. In der stechenden Sonne war jeder froh, dass sich etliche Liter an Getränken in einem jeden Rucksack befanden. Der Dopplersteig, einer der Anstiege auf den Untersberg vom österreichischen Glanegg aus, ist ein steiler, anspruchsvoller Steig, der in die nahezu senkrechten Felswände gehauenen wurde. Er führte die Sektionsmitglieder schweißtreibend über die „Obere Rositten“ zum Zeppezauerhaus auf 1 664 Metern Höhe.
Geschichten über die ihr Unwesen treibenden „Wilden Frauen“ und den Kaiser Barbarossa der im Untersberg schlafen soll und dessen Bart, der dreimal um einen Tisch wachsen würde, bis er aus seinem Schlaf erwachen könne, und dies auch nur wenn 24 Raben um den Untersberg kreisen, unterhielten die Bergbegeisterten immer wieder in den wohlverdienten Marschpausen. Auch über den Mythos der Untersberger Zeitphänomene, die zum Beispiel eine gesamte Hochzeitsgesellschaft über 100 Jahrelang im Berg hielt, oder, in neuerer Zeit, von zwei Bergsteigern, denen während einer Untersberg-Wanderung drei Monate ihrer Erinnerung fehlten, erfuhren die Bergfreunde am Abend in gemütlicher Runde beim Zeppezauer Haus. Es war ein angenehm lauer Abend und der Blick über das Salzburger Lichtermeer war beeindruckend. Eine Teilnehmerin spielte auf ihrer Ukulele ruhige Weisen und ein ausgezeichneter Sänger, der sich unter den Teilnehmern befand, gab das klassische Heimatlied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ zum Besten. In der entspannten, fast meditativen Atmosphäre gesellten sich andere Hüttengäste und auch die Hüttenwirtin zu den Freundschafts-Bergsteigern.
Am dritten Tag stand der lange Weg über die Hochfläche des mächtigen Berges, zurück zum Stöhrhaus und wieder hinab zum Scheibenkaser, auf dem Programm. Danach führte ein schmales, fast vergessenes Steiglein die Gruppe schließlich zur mysteriösen Irlmaier-Madonna. Sie steht mitten im Bergwald als zweimeterdreißig hohe Steinfigur aus den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts über eine Quelle und wird oft von Verehrern besucht. Schließlich kamen alle gut und wohlbehalten zurück zum Parkplatz Rossboden bei Ettenberg und traten erschöpft aber mit vielen Eindrücken den Heimweg an.
Bericht: Kurt Stemmer